Götter, die durch Menschen sprechen

Ausstellungsdauer: 28. Juni – 19. August 2007
Villa Bosch, Radolfzell

Im Jahr 2007 feiert Indien 60 Jahre Unabhängigkeit. Aus diesem Anlass veranstaltet das Kulturamt der Stadt Radolfzell eine Ausstellung zum Thema Indien. Im Mittelpunkt der Schau in der Villa Bosch steht ein Indien, das bei uns im Westen kaum bekannt ist und daher eine große Faszination auf uns ausübt. Zahlreiche großformatige Fotografien in strahlender Farbigkeit ziehen die Besucher in ihren Bann und entführen sie in eine ferne Welt. Sie vermitteln spektakuläre Einblicke in jahrhundertealte regionale Traditionen, die bis heute einen sehr lebendigen Teil des reichen kulturellen Erbes Indiens bilden, jedoch bei uns bisher kaum bekannt sind. Abgebildet sind Menschen, die Feste feiern und Medien, die in Trance agieren. In diesen manifestieren sich die Götter als ‚lebende Gottheiten auf Erden’, mit denen die Gläubigen direkt kommunizieren. Die Fotografien entstanden im Rahmen von über zwanzig Jahren Feldforschung der Indologin Dr. Cornelia Mallebrein, Universität Tübingen. Ausgewählte Bronzen aus dem ländlichen und tribalen Indien, Malerei, Collagen und Ölbilder der renommierten indischen Künstler Virendra Shah und Sangamesh Rajeshvar sowie zwei Videofilme zum Thema ergänzen die Ausstellung. Ein Bereich der Ausstellung ist der farbintensiven Digitalkunst des Indologen Prof. Dr. Dieter B. Kapp, Köln, gewidmet.

Moderne Malerei von Virendra Shah und S. Rajeshvar

Wenn die Sonne sich mit dem Mond vereint …

Virendra Shah und Sangmeshvar Rajeshvar sind zwei junge Künstler aus Karnataka, deren Kunstwerke auch außerhalb Indiens große Beachtung finden. Zusammen mit Cornelia Mallebrein dokumentierten sie uralte religiöse Fest und Traditionen des ländlichen Karnataka, die in ihrer ekstatischen Intensität und Farbigkeit in Indien einmalig sind. Während C. Mallebrein sich auf die Fotografie konzentrierte, setzte Virendra Shah seine Impressionen in großformatige abstrakte Ölgemälde und Collagen um, ein spannender Dialog.
In den Bildern des jungen Künstlers Sangamesvar Rajeshvar ist es weniger der gelebte Kult, der in Farbe umgesetzt ist, vielmehr sind es geistige Inhalte, die mit diesem verbunden sind.


Digital-Kunst von Prof. Dr. Dieter B. Kapp

Die Digital-Kunst von Prof. Dr. Dieter B. Kapp findet international große Beachtung. Auf zahlreichen Ausstellungen waren Beispiele seiner Kunst zu sehen. Seit mehr als 30 Jahren reist der Indologe und Ethnologe Dieter B. Kapp regelmäßig nach Indien. Bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Jahr war er Direktor des Instituts für Indologie und Tamilistik an der Universität zu Köln. Seine Kunst ist inspiriert von der mystischen Seite Indiens. Daher nehmen einige seiner Werke direkten Bezug zu mythologischen Themen, so u. a. zur Erschaffung der Welt aus einem Weltei (Brahmaanda).

Lebende Gottheiten auf Erden – Trance und Heilung in Indien

Vortragsreihe und Führungen von Cornelia Mallebrein

Gottheiten, die sich in Menschen zeigen und durch sie sprechen, sind ein in ganz Indien weit verbreitetes Phänomen. Von den Gläubigen werden diese ‚lebenden Gottheiten’ als wirklich präsent empfunden, und man möchte mit ihnen kommunizieren. Interessanterweise gewinnt diese Tradition heutzutage in Indien zunehmend an Bedeutung. Darin spiegelt sich das wachsende Bedürfnis der Menschen nach einem direkten Dialog mit dem Göttlichen wider. Die Antworten des Mediums besitzen für die Gläubigen unanfechtbare göttliche Autorität – das ‚göttliche Auge’ sieht und entdeckt alles, nichts bleibt ihm verborgen. Der Vortrag beleuchtet drei Varianten göttlicher Manifestationen im ländlich-tribalen Orissa. Dias und kurze Videosequenzen zeigen, welche Dynamik diese ‚Gottheiten auf Erden’ entwickeln.


Die ‚wilde Göttin‘ – Macht und Energie indischer Göttinnen Die indischen Göttinnen – sie werden geliebt und gefürchtet. Ihre Macht gilt als umfassend und schwer zu kontrollieren. Der Vortrag beleuchtet verschiedene Aspekte der Shakti, der Energie, Macht und Stärke indischer Göttinnen. Sie kann mild und friedvoll, aber auch wild und zerstörerisch sein. Überall kann sie sich manifestieren, denn die Göttin entsteht aus sich selbst heraus. Der Schwerpunkt des Vortrags liegt auf ausgewählten, bislang kaum bekannten regionalen und lokalen Göttinnen Indiens. Er führt ein in eine faszinierende Welt religiöser Traditionen mit ihrem tiefen, ekstatischen Glauben an die weibliche göttliche Macht und Energie. Er beleuchtet aber auch neuere religiöse Entwicklungen, so den Einzug der Göttinnen ins World Wide Web. Dias und ein Videofilm begleiten den Vortrag.

Diebesgötter und Ahnengeister – Einführung in die künstlerischen Traditionen der tribalen Bevölkerung Indiens Erst seit wenigen Jahren finden die künstlerischen Traditionen der mehr als 540 Stammesgruppen Indiens wissenschaftliche Beachtung und Wertschätzung. Doch gerade sie faszinieren durch ihre Formenvielfalt, die zahlreichen lokalen Charakteristika und die individuelle Sprache des Künstlers. Der stilistische Reichtum und das hohe Maß an Abstraktion machen ihren Reiz aus. Viele Darstellungen dieser Götter und Geister bleiben dem Blick Außenstehender jedoch entzogen, sie werden an einem geheimen und nur den Familienmitgliedern bekannten Ort aufgewahrt und verehrt. Der Vortrag mit Dias möchte einen Blick in die Welt der ‚versteckten Götter’ werfen und deren Kultus und Ritual beleuchten. Anhand von ausgewählten Beispielen wird aber auch der rapide Wandel sichtbar.

Orissa, Sora, ritual, Kudamboi

Gespräche mit den Verstorbenen – die Jenseitsreisen der Sora-Schamanen von Orissa Die Schamanen der Lanjia-Sora von Orissa, einer der ältesten Stammesgruppen Indiens, leben gleichzeitig in zwei Welten, der realen und einer jenseitigen. In eindrucksvollen Tranceritualen stellen sie in ihrer Rolle als Medium den Kontakt zwischen den Lebenden und den Verstorbenen her. Dabei helfen ihnen unterweltliche Partner, mit denen sie in einer ‚GeistEhe’ verheiratet sind. Um sie zu ehren, lassen die Schamanen in ihren Häusern eindruckvolle, stark stilisierte Wandbilder anfertigen. Die Intensität, mit der diese Ehe gelebt wird, stellt eine singuläre Erscheinung in der kulturellen und religiösen Vielfalt Indiens dar. Aufgrund der rapiden religiösen und sozialen Veränderungen in den Stammesgebieten Indiens wird diese Tradition in wenigen Jahren nicht mehr existieren. wird. Der Diavortrag gibt einen Einblick in diese einzigartige Welt der Lanjia-Sora und die Tradition der Wandbilder. Begleitet wird der Diavortrag von einem Videofilm